WILLY BRAND, EIN GROSSER PARLAMENTARIER

Ortsverein

Zum 100. Geburtstag von Willy Brandt
Brandt gehört auch mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod noch immer zu den bekanntesten und geachtetsten Persönlichkeiten des Landes. Als Politiker prägte er nachhaltig die deutsche Nachkriegspolitik: Sein Kniefall vor dem Mahnmal des Aufstandes im Warschauer Ghetto, seine Ostpolitik unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“ und nicht zu letzt legendäre Sätze wie „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ bleiben unvergessen.

Auch unter den heutigen SPD-Parlamentarierinnen und Parlamentariern ist Willy Brandt noch immer gegenwärtig. Viele fühlen sich nach wie vor durch ihn in ihrer parlamentarischen Arbeit inspiriert; auch die jüngeren unter ihnen, also diejenigen, die sich nicht mehr oder nur kaum an ihn erinnern können. Christina Jantz, geboren 1978, sitzt seit dieser Legislaturperiode für die SPD im Deutschen Bundestag. Wie für viele andere ihrer Generation auch ist Brandt ein Vorbild für sie. „Willy Brandt steht für mich für eine Reihe von Tugenden, die für meine parlamentarische Arbeit Vorbildcharakter haben“, beschreibt die Niedersächsin seinen Einfluss. Beeindruckt zeigt sie sich auch von seiner Art, Politik zu gestalten: „Unaufgeregt, beständig und stets konstruktiv hat er das Land reformiert und vorangetrieben und selbst in schwierigen Zeiten Moral bewiesen.“

Ein Leben für die Demokratie

Brandt, der für seine Entspannungspolitik mit dem Friedensnobelpreis geehrte wurde, war der erste sozialdemokratische Kanzler der Bundesrepublik. 1969 wurde Willy Brandt in einer sozial-liberalen Koalition in dieses Amt gewählt. Bei vorgezogenen Neuwahlen drei Jahre später wurde er wiedergewählt. Zuvor – von 1957 bis 1966 – war Brandt bereits Regierender Bürgermeister der Stadt Berlin. Der Mauerfall und die Wiedervereinigung waren für ihn die Erfüllung eines Lebenstraums. Auch in dieser historischen Stunde fand er Worte, die ebenfalls unvergessen bleiben. „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“, kommentierte Brandt damals den Mauerfall.

Darüber hinaus saß Willy Brandt, der am 18. Dezember 1913 in Lübeck als Herbert Frahm geboren wurde, insgesamt 31 Jahre für die SPD im Deutschen Bundestag: Von 1949 bis 1957, nochmals 1961 und schließlich von 1969 bis 1992. Auch nach seinem Rücktritt als Kanzler im Zuge der Guillaume-Affäre 1974, behielt Brandt sein Bundestagsmandat.

Joachim Poß erinnert sich an Willy Brandt als einen „persönlich sehr zurückhaltenden Menschen. Auch diese Seite gehörte zu ihm“. An seine erste Fraktionssitzung denkt Poß, der seit 1980 Mitglied der SPD-Bundestagsfraktion ist, besonders gerne. Hier erlebte er neben dem damaligen Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner und dem gerade wiedergewählten Kanzler Helmut Schmidt eben auch Willy Brandt aus nächster Nähe. „Die Creme de la Creme der deutschen Sozialdemokratie so nah zu erleben. Das war etwas ganz besonderes für mich als junger Abgeordneter“, so Poß. Von Brandt gelernt habe er, über den Tellerrand der nationalen Politk hinauszuschauen und auch die internationale Politik im Blick zu haben: „Dazu hat Brandt natürlich vor allem durch seine persönliche Geschichte geworben.“

Willy Brandt, der während der Nazi-Diktatur nach Norwegen geflohen war, setzte sich nach seiner Rückkehr besonders für den Wiederaufbau der deutschen Demokratie ein. Der Einsatz für Demokratie und eine demokratisch politische Kultur in unserem Land war für ihn zeitlebens prägend. In seiner Zeit als Abgeordneter war Brandt insgesamt drei Mal Alterspräsident und eröffnete in dieser Funktion die konstituierenden Sitzungen des Bundestages. Zur Eröffnung des zehnten Deutschen Bundestags 1983 sagt er: „Alle Mitglieder dieses Hauses nehmen gleichermaßen wichtige Aufgaben wahr […].“ Dabei spiele es keine Rolle, ob die eigene Partei oder Fraktion in Regierungsverantwortung oder in der Opposition sei. „Parlamentarische Verantwortung für unseren Staat obliegt der einen Seite wie der anderen; sie ist keiner Seite Vorrecht“, sagte Brandt damals.

Willy Brandt starb im Alter von 78 Jahren am 8. Oktober 1992 in Unkel am Rhein.

Johanna Agci

 
 

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